Ich fürchte, ich muß mich weiterhin auch im Namen meines virtuellen Gastgebers Tripod für den Buchstabensalat auf meiner Eingangsseite entschuldigen. Übrigens, dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass dieser Salat nicht einer gewissen Dynamik entbehrt. Anfangs waren die leeren Stellen mit E-Circumflex aufgefüllt (ich hüte mich, diese Zeichen zu verwenden, wer weiss, was dann noch passiert), das nächste mal mit den in Dänemark und Norwegen gebräuchlichen a-e-Ligationen, spä:ter dann kamen Sternchen, und das letzte, was ich gesehen habe, waren Plus-Zeichen. Was Tripod uns heute beschert hat, werden wir sehen, ich trau mich noch nicht, nachzuschaun. Immerhin scheinen im laufenden Text die "ü" jetzt wieder richtig zu kommen.

Eine weitere gute Nachricht ist, dass Leser Schädlich anscheinend gesund und wohlbehalten wieder angekommen ist. Die gesamte deutschsprachige Internet-Gemeinde hat sich schon Sorgen gemacht, und es sollte eine weltweite E-Mail-Suchaktion ins Leben gerufen werden, aber das ist ja jetzt gottseidank nicht mehr nötig.

Inzwischen bricht der Früling aus mit Macht - auch in Schweden, und mit dem Frühling einher kommen selbstverständlich auch die Frühlingsgefühle, das ist ja alles nur natürlich. Allerdings gibt es einige Printmedien - weniger seriöse als das Schwedische Tagebuch - die meinen, sie müssten unter dem Deckmantel der Gesellschafts-Berichterstattung die den Jugendlichen eigene Neugier auf die geschlechtlichen Belange zu Werbung und Verkaufssteigerung schamlos ausnutzen.

So finden wir die folgende Schlagzeile im Expressen:

KÄNDA SVENSKA KVINNOR BERÄTTER OM SEXDEBUTEN

Das brauche ich ja wohl kaum zu übersetzen. Bekannte Schwedische Frauen berichten über ihr Sexdebut. Leider liegen an meinem Arbeitsplatz nur Dagens Nyheter und Svenska Dagbladet aus. Zu gerne hätte ich für Euch aus dem Erfahrungsschatz prominenter schwedischer Debutantinnen exzerpiert, aber vielleicht wollen wir diesen ethnologischen Bericht etwas zurückstellen. Am Wochende werde ich Notizblock und Kugelschreiber einstecken, und mich zu eigenen Recherchen persönlich auf den Weg machen.

Übrigens, wenn ich schreibe, dass es bei uns Dagens Nyheter und Svenska Dagbladet gibt, dann heisst das nicht, dass sie auch immer da liegen. Heute hat wieder irgend wer die Zeitungen in sein Büro mitgenommen, aber zum Glück das Interessanteste dagelassen: das Blatt mit den Todesanzeigen. Todesanzeigen sind in Schweden immer sehr stimmungsvoll mit einem kleinen Bildchen verziert. Die Hinterbliebenen können dabei zwischen verschiedenen Motiven wählen, einen Schwarm Möven vor einem Sonnenuntergang, eine Knospe an einem Zweig, ein Schiff im sanften Wellengang.

Aber aufgefallen ist mir, dass unter den 49 Todesanzeigen fünf, also mehr als zehn Prozent von Leuten unter 50 waren. Und dabei handelte es sich nicht etwa um Neugeborene, denen es eben nicht vergönnt war, auch nicht um zwanzigjährige, die eben erst ihren Führerschein gemacht haben, und sich am nächsten Baum derrennen, sondern es waren alles Leute zwischen dreißig und fünfzig. Warum sterben in Schweden so verhältnismäszlig;ig viele Leute zwischen dreißig und fünfzig, ein Alter, in dem einem doch eigentlich gar nichts passieren kann? Sehr seltsam.

23. Mai 2000

Det är dags igen...

in der Tunnelbana sind jetzt ü,berall die Reklameplakate für Damenunterwäsche (nein, es ist keineswegs so, dass mir nur die Plakate für Damenunterwäsche auffallen, es gibt tatsächlich in Schweden keine Plakate für Herrenunterwäsche), hundert-beliebteste-Oldie-CDs und e-Mail-basierte Arbeitsvermittlungen abgehäungt und ersetzt worden mit Plakaten "det är dags igen...", es ist wieder Zeit. Gemeint ist, es ist wieder Zeit, seine Steuererklärung zu machen. Eigentlich wäre jeder in Schweden ansässige verpflichtet, eine Steuererklärung abzugeben, und man kann gar nicht so wenig verdienen, dass einem nicht auch noch ein großer Teil davon abgezogen wird. Neulich habe ich einen Bekannten getroffen, der letztes Jahr nicht mehr hatte, als einen Aushilfsjob für zwei Stunden am Tag, und das für ein halbes Jahr. Er hat dabei im ganzen Jahr insgesamt 15 000 Kronen verdient, das ist etwas mehr als 3 000 Mark. Das Finanzamt hat ihm davon 7 000 Kronen also fast die Hälfte einbehalten. Die nehmens echt von den Lebenden.

Das ganze könnte man ja vielleicht noch verstehen, wenn der Service dann entsprechend wäre. Aber in Wirklichkeit funktioniert hier nämlich bald überhaupt nichts mehr. Der Pendeltåg fährt nur noch ausnahmsweise, die Krebspatienten in den Krankenhäusern müssen ein halbes Jahr auf ihre Operationen warten (vielleicht deshalb die ganzen gestorbenen unter-fünfzigjährigen) und die Schulen produzieren bekanntermaßen die unwissendsten Abgänger in der ganzen EU. Aber die Schweden lassen sich eben nun mal alles gefallen, und zahlen brav ihre Steuern. Selber schuld!